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Hinterglasbild, Jodie, 6a, 2009-10

 

Städtisches Görres-Gymnasium Düsseldorf

Humanistisches Gymnasium seit 1545

 

 

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1. Friedrich B. Müller über die historische Lehrerbibliothek [unten]

2. Der obige Artikel aus dem "Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland" als PDF [3,6 MB]

F.B. Müller: Die historische Lehrerbibliothek

3. Friedrich B. Müller: Unterricht in der "vergessenen Schulbibliothek" [PDF, 30,8 MB (!)]

F.B. Müller - Unterricht ... - Titelblatt




 

Friedrich B. Müller

Die historische Lehrerbibliothek des Görres-Gymnasiums

Bedenkt man, dass eine Schule ohne Bücher kaum funktionsfähig ist, berührt die Tatsache merkwürdig, dass es nur wenige und zudem relativ späte Nachrichten über die Bibliothek des 1545 gegründeten Gymnasiums gibt. Erst im Jahre 1878 legt der Gymnasiallehrer Dr. Cremans ein Verzeichnis der alten Drucke und Urkunden vor, welche sich im Besitz der Schule befanden; knapp 20 Jahre später erscheint dann, in zwei Heften, der Katalog der Lehrer-Bibliothek, der den auf über 18.000 Bd.e angewachsenen Bestand erstmals vollständig erfasst.
Trotz des Fehlens näherer Informationen zur Geschichte der Bücherei kann kaum bezweifelt werden, dass sie eine wesentliche Grundlage für den Unterricht an der herzoglichen Landesschule bildete. In der frühesten Quelle, in der von einer Bibliothek die Rede ist, heißt es: "Item were Hochnoittich das vur die geistlichen und Schoilmeistern eyn gemeyn Bibliotheca verordnet wurde. Darzu ein bequemer platz were bowen der Sacristien oder gegenkameren." Demnach scheint während der ersten Jahre der Schule der Bücherbestand so stark angewachsen zu sein, dass nach einem neuen (?) Aufstellungsort gesucht werden musste (wobei die Lehrer bereit waren, sich den Raum mit den benachbarten Stiftsherren zu teilen). Vielleicht darf man die stattliche altphilologische Abteilung mit nicht wenigen Werken, die bereits vor 1545 erschienen sind, als Indiz für die Existenz einer solchen Bibliothek werten. Jedenfalls fügen sich die zahlreichen Cicero-, Terenz- und Vergil-Ausgaben, die in Drucken des 16. Jh.s vorliegen, gut in das Curriculum von 1556 ein, das die humanistischen Neigungen des ersten Schulleiters, Johann Monheims, verrät. Bedauerlicherweise befindet sich von den Lehrbüchern, die Monheim selbst herausgebracht hat und die sich weiter Verbreitung erfreuten, keines (mehr?) in der heutigen Bibliothek.
Für die folgenden zweieinhalb Jh.e lässt sich die Entwicklung der - zwischen 1620 bis 1803 von Patres geführten - Schule und deren Bibliothek nur in groben Zügen angeben. Geht man von den stark schwankenden Schülerzahlen aus (unter Monheim und dessen Nachfolger vielleicht "bis über die zwei Tausend" Studenten, während des 17. Jh.s nur noch zwischen 15 und 46, gegen Ende des 18. Jh.s zwischen 52 und 96 Seminaristen), wird man schwerlich mit einem stetigen Wachstum rechnen dürfen. Immerhin ist eine Schätzung möglich. Da wir ziemlich genau wissen, dass etwa 20 Prozent der 1800 Werke des 17. und 18. Jh.s erst im 19. Jh. der Bibliothek einverleibt wurden, kommt man zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass sich unter den Jesuiten der Bestand verachtfacht hat. Dabei verlagerte sich das Schwergewicht der Anschaffungen nach 1700 auf die Gebiete deutsche und französische Literatur, Philosophie und Physik.

Drei Viertel des heutigen Umfangs (ca. 21.000 Bd.e) gehen auf Erwerbungen des vorigen Jh.s zurück. Angesichts dieser Bilanz mag die Bemerkung des Berichterstatters Dr. Cüppers von 1898 verständlich werden, der Bestand der Bibliothek sei "bei der Übernahme der Anstalt in preussische Verwaltung (1813) noch unbedeutend" gewesen. Jedenfalls verfügte die Schule seit der Eingliederung des ehemaligen Herzogtums Berg in das preußische Königreich über einen jährlichen Bücheretat, der eine kontinuierliche Erweiterung des Bestandes gestattete. Die bisherigen Sammlungsschwerpunkte werden zwar weiterhin gepflegt, doch gewinnt, neben Geschichte, Geographie, Mathematik, den Naturwissenschaften und Kunst, vor allem die Pädagogik an Bedeutung. Dies schlägt sich auch in drei weiteren Bestandsverzeichnissen nieder: dem Doppelbändchen Erdkundlich-geschichtliche Sammlung. Zur Kunstgeschichte (Düsseldorf 1910) und dem Einzelheft Die mineralogische Sammlung (Düsseldorf 1911). Demgegenüber hat die Rechtswissenschaft, für den gymnasialen Fächerkanon mittlerweile ohne Belang, die geringste Zuwachsrate zu verzeichnen. Als kaum weniger wichtig für das Profil der Bibliothek erweisen sich mehrere Schenkungen - so die von Joseph von Heister (vgl. Jahresbericht 1851), Hofbaumeister Custodis (vgl. Jahresberichte 1860, 1863, 1865, 1866 und 1869) sowie Prof. Dr. Ferdinand Deycks (vgl. Jahresbericht 1868). Die bedeutendste Schenkung war wohl die 1851 übereignete Bibliotheca Vossiana. Mit dieser Gelehrtenbibliothek des Altphilologen Abraham Voss gelangte das Gymnasium zugleich in den Besitz wertvoller Manuskripte, die aus dem Nachlass des Dichters und Homer-Übersetzers Johann Heinrich Voss, des Vaters Abrahams, stammten.
Eine Besonderheit stellt die Sammlung von 140.000 Schulprogrammen dar. Zwischen 1815 und 1914 stand das Gymnasium in regem Austausch mit ca. 1450 Schulen aus 880 Schulorten, die über das gesamte deutsche Sprachgebiet verstreut lagen.
Die Raumnot nach dem Zweiten Weltkrieg brachte es mit sich, dass die Lehrerbibliothek im Keller des Schulgebäudes deponiert werden musste und dort - mangels entsprechender Regale - auf dem Boden lagerte. Wassereinbrüche, Moder, Rattenfraß, Verschmutzung und Diebstahl verursachten erhebliche Verluste, deren Ausmaß erst dann voll erkennbar sein wird, wenn ein neuer Bestandskatalog vorliegt. Doch fehlt es nicht an Versuchen, den entstandenen Schaden zu begrenzen. Das Land Nordrhein-Westfalen ließ 1964 das Schulgebäude aufstocken, damit die Bibliothek in einem separaten Raum untergebracht werden konnte. Der Verein der Freunde und Förderer sorgte für die Verblendung eines Teils der Fensterfront. Die Stadt Düsseldorf (in deren Trägerschaft das Gymnasium 1974 überging) installierte eine Klimaanlage und bewilligt - ebenso wie auch zeitweilig das Land NRW - jährlich knapp zweitausend Euro, mit deren Hilfe Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden.

[Aus: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Bd. 3, Hildesheim/Zürich/New York (Olms) 1992; überarbeitet]